Plötzlich ist die Partystimmung vorbei: Von den Schattenseiten des Alterns

Artikel drucken Artikel drucken 11. Juni 2019 | Von | Kategorie: Wohnen & Betreuung

Die Zukunft war früher auch besser. Das ist einer der unnachahmlichen Sätze von Karl Valentin. Einmal ist ganz realistischer und existentialistischer Satz, näher die Zukunft kommt, desto mehr verliert sie ihren utopischen Erwartungscharakter. Zum anderen ist es ein Satz, der besonders für das Alter gilt. »Alter«, so sagt die Berliner Literaturwissenschaftlerin Silvia Bovenschen, »ist zunehmende Zukunftslosigkeit.« Es ist die Lebenszeit vor dem Tod. Die Perspektiven schrumpfen, wenn man siebzig, achtzig oder neunzig ist. Auch wenn man noch einen Stadtmarathon in New York gewinnt, die Studienreise durch Sri Lanka genießt oder an der Universität Philosophie studiert.

Es ist dieses Bild der fitten und taffen Alten, das wir, die Medienmacher, gern transportieren. Die Bilder stolzer Senioren im Fitness-Studio oder an einem Gipfelkreuz der Alpen sehen gut aus und stimmen positiv. Don’t worry! haben wir auf einigen Partys mit dem Motto »After Seventy« gelernt. Mach dir keine Sorgen! Doch es gibt gar nicht so viele alte Menschen, die sich keine Sorgen machen oder machen müssen. Die vorgeblich Sorgenfreien sind meist die, die stereotyp murmeln: Ich bin so alt, wie ich mich fühle. Und die geben jedenfalls vor, sich ziemlich jung zu fühlen. Dann plötzlich bricht eine Krankheit über sie herein. Sie müssen in die Notaufnahme der Klinik. Wenn sie die Kranken-Station Tage später verlassen, wissen sie (bestenfalls!), dass ihr Leiden sich zwar eindämmen lässt, aber nie mehr weggehen wird. Vielleicht schnüren ihnen Chemikalien ein Korsett zum Weiterleben, vielleicht benötigen sie regelmäßig Apparate-Medizin. Dann sind die Zeiten des fröhlichen Verdrängens vorbei. Sie wissen, dass sie von nun an Unterstützung brauchen – weil sie alt sind.

Wie lange kann das noch gut gehen? Nehmen wir auch jene in den Blick, die schon lange am Rolla- tor gehen oder tief in die Geldbörse schauen, wenn der Monat länger wird. Denen der Partner gestorben ist und die keinen Freundeskreis von der letzten Kreuzfahrt her um sich versam- melt haben (weil sie sich die gar nicht leisten konnten). Manche suchen seit Jahren auf den einschlägigen Internet-Plattformen nach Beziehungen, resignieren aber allmählich an fortgesetzten Enttäuschungen. Und vergessen wir die anderen nicht, die gar nichts mit den neuen Technologien anfangen können oder wollen. Sie sind in eine fremde Welt geraten. Vielleicht wackeln sie tapfer mit ihrem Hund durch die Straßen und fragen sich, wenn sie heimkommen, erschöpft, wie lange das wohl noch gut gehen kann. Andere müssen sich fragen, ob das mit dem Heim nicht täglich aktueller wird, weil die Miete viel schneller als die Rente steigt. Und es graut ihnen davor, die vertraute Umgebung noch einmal wechseln zu müssen. Von den Mühen eines Umzugs nicht zu reden. Von der Aussicht auf einen Heimplatz als rares Gut auch nicht. Wenn sie Glück haben, gibt es Kinder oder Enkel oder wenigstens Freunde, mit denen sie die Sorgen besprechen können. Wenn sie kein Glück haben, wurden Kontakte abgebro- chen und sie sind allein.

Sie sind allein – und sie fühlen, dass sie die Welt verlieren. Ihr Kopf kann sie nicht mehr festhalten. Die Demenz steigt auf – oder wenigstens die Angst davor. Für sie muss es zynisch erscheinen, wenn ihr Seniorenmagazin schon wieder darüber berichtet, wie eine hundertjährige Spätkünstlerin in der Toskana Marmor in Statuen verwandelt. So etwas kann sich ein Leser, eine Leserin zum ermutigenden Vorbild nehmen. So eine Reportage kann freilich ebenso Zynismus und Resignation auslösen.
Das ist kein Schreckens-Szenario. Das alles ist Normalität. Der Alltag des Alters. Den spürt ja jeder. Manche können bestens damit umgehen, manche wollen ihn nicht wahrhaben. Er wird den Senioren in den Medien zwar nicht verheimlicht. Aber attraktiver für den Verkauf von Zeitschriften, für die Einschaltquote oder die Klick-Zahl von digitalen Angeboten sind doch die Bilder von der erfolgreichen Premiere einer Theatergruppe von Silver-Agers (das ist ebenfalls so ein euphorischer Wegduck-Begriff!). Und der Schminkkurs für Omas (das Wort wiederum wird als diskriminie- rend empfunden, wenn es nicht gerade um die Fotos strahlender Enkel im australischen Outback geht) wird stärker nachgefragt, wenn die Wangenknochen dank Photoshop faltenfrei wirken.

Abend für Abend einsam vor dem Fernseher Wie geht es angesichts dieser Scheinwelt des Alterns in hautengen Jeans eigentlich denen, die Abend für Abend einsam vor dem Fernsehschirm sitzen? Wie geht es denen, die still die Preise von Urnen studieren, weil in der Klinik gerade die Chemotherapie des Lebensgefährten versagt? O ja, wir Medienmacher informieren beflissen sogar über Hospiz-Angebote, Bestattungsrituale und Trost-Therapien. Aber eigentlich stellen wir uns als Zielgruppe die knackigen Rock`n` Roll-Liebhaber eher vor als die Stuhltänzer, denen die Pflegerin eine Polka auflegt. Unsere Botschaft ist nicht, dass das Alter nicht lustig ist. Wir berichten lieber darüber, dass es nach erfolgreichem Speed-Dating noch lustvoll sein kann (was zuweilen passiert).

Hier sollen alle um Entschuldigung gebeten werden, die so etwas überhaupt nicht lesen wollen. Bei der aktuellen Diskussi- on um die Widerspruchslösung in Fall der Organspende wurde wieder bekannt, wie ungern sich Menschen mit dem eigenen Sterben beschäftigen. Aber angesichts aller melancholischen Fakten muss hier einmal ein Satz von Sophokles zitiert werden. Das war der große antike Tragödienautor aus Athen (ca. 496-406 v. Chr.), dem wir Dramen wie »Antigone« und »König Ödipus« verdanken.

Sein letztes Theaterstück hat den Ti- tel »Ödipus auf Kolonos«. Es handelt von der letzten Reise eines alten Mannes. Und es gibt ein Chorlied darin, das nach dem Sinn des Lebens fragt und keinen findet. Sophokles aber kommt dir das Alter,/gescholten von allen,/kraft- los, ungesellig, einsam,/ aller Übel ärgstes.« Aller Übel ärgstes – so traut sich heute kaum noch jemand das Alter öffentlich zu nennen. Weil unsere Lebenserwartung so sehr zugenommen hat? Sophokles ist doch wahrscheinlich auch schon 90 Jahre alt geworden. Weil unser soziales System so toll ist und die medizinische Versorgung so prachtvoll? Davon mögen viele profitieren. Vielen nützt es aber gar nichts. Über sie nicht zu sprechen, so zu tun, als wäre das Alter rundum ein Lebensabschnitt des Strotzens – das ist nur falsche und tatsächlich unverschämte Arroganz derer, denen es ausnahmsweise prächtig geht.

Wir Alten müssen nicht in Sack und Asche schreiten, wenn wir nicht das Bedürfnis dazu haben. Wenn wir das Be- dürfnis jedoch spüren, sollten wir uns nicht schämen müssen. Schwäche ist eine natürliche Erscheinungsform des Alters. Wir dürfen die nächste Studienreise auskosten, wenn wir die Kraft zu ihr haben. Aber glauben wir niemandem, der behauptet, diese Senioren-Generation sei der medizinisch angestrebten Unsterblichkeit schon sehr nahe. Das ist eine (Selbst-)Täuschung. Das Leben strebt immer nach dem Tod. Und wir Alten stehen an seinem Rand und fühlen mehr oder minder heftig das eigene Schwinden. Genießen wir den heutigen Tag und die angebro- chene Stunde. Der/die nächste bereits kann (mit viel höherer Wahrscheinlichkeit als bei den Jungen) furchtbar werden oder gar nicht mehr sein. Denn früher hatten wir mehr Zukunft. Sie ist ganz langsam in Vergangenheit verwandelt worden.

HERBERT HEINZELMANN

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