„Viele verstehen ihre Geldanlage nicht!“

Artikel drucken Artikel drucken 14. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Stiftungen & Engagement

Tom Friess rät seinen Kunden, zehn Jahre vor der Rente einen Kassensturz zu machen. Foto: Roland Fengler

Wer nach einem langen Berufsleben oder aufgrund einer Erbschaft ein hübsches Vermögen zusammengebracht hat, muss sich Gedanken darüber machen, wie er sein Geld am besten anlegt. Auf die Ratschläge eines Bankberaters möchte sich nicht jeder verlassen, schließlich handelt dieser nicht ganz unabhängig und bekommt für jede verkaufte Geldanlage Provisionen. Tom Friess, Geschäftsführer des VZ Vermögenszentrums, das sich selbst als unabhängig bezeichnet, hat gemeinsam mit Michael Huber den Ratgeber „Finanzcoach für den Ruhestand – Der persönliche Vermögensberater für Leute ab 50“ verfasst.

sechs+sechzig: Herr Friess, in Ihrem Buch beschreiben Sie die großen Ängste der Deutschen. Haben die Deutschen mehr oder andere Ängste als andere Nationen?

Tom Friess: Ich kenne zwar nicht so viele andere Nationen, um ein umfassendes Bild zu haben – aber ich meine: ja, die Deutschen haben größere Ängste als andere. Vieles davon ist in der Geschichte begründet. Vor allem die Währungsreformen und die Hyperinflation haben die Menschen geprägt. Das ist – gerade in Krisenzeiten – immer wieder ein Thema, besonders bei älteren Menschen. In der Schweiz zum Beispiel ist die Wahrnehmung eine ganz andere: Dort gab es nie eine Währungsreform oder eine Hyperinflation, deswegen gehen die Menschen viel sachlicher mit der Thematik um.

Als gebürtiger Schweizer, der seit über zehn Jahren in Deutschland lebt, kennen Sie beide Nationen. Was für Unterschiede stellen Sie noch fest?

Beim Sparen wird das Denken stark beeinflusst durch die Organisation der sozialen Sicherungssysteme. In der Schweiz sind die gesetzliche und die betriebliche Altersvorsorge obligatorisch. Und ganz wichtig: Die Gelder in der betrieblichen Vorsorge spart der Anleger für sich selber. Die Menschen in Deutschland zahlen verpflichtend nur in die gesetzliche Versorgung ein. Die ist zwar überdurchschnittlich gut, für Vermögende jedoch bei Weitem nicht ausreichend, um den Lebensstandard im Alter halten zu können. Also muss diese Klientel zusätzlich etwas machen. Das führt zu Unsicherheit. Und gerade in Krisenzeiten legen die Deutschen gerne eine gewisse Vogel-Strauss-Mentalität an den Tag: Lieber nichts machen, als etwas falsch zu machen. Dabei wird vergessen, das nichts machen oft das Falsche ist.

Was also tun?

Wer sich immer wieder regelmäßig mit seinen Anlagen auseinandersetzt, erzielt erwiesenermaßen bessere Resultate. Wenn man sie regelmäßig pflegt, ist die Chance am größten, dass sie gut bleiben. Interessant ist auch folgende Statistik: Für einen Autokauf wenden die Menschen in Deutschland im Durchschnitt 40 Stunden auf. Beim Kauf einer Küche setzen wir immerhin noch 20 Stunden ein. Für unsere Altersvorsorge wenden wir gerade einmal zehn Stunden auf.

Welche Fragen sollte man sich vor allem stellen, wenn man seine Finanzen fürs Alter richtig planen will?

Erstens: Welches konkrete Ziel verfolge ich? Wenn ich zum Beispiel eher aufhören möchte zu arbeiten, muss ich mich fragen, ob ich mir das leisten kann. Zehn Jahre vor der Rente sollte man noch einmal Kassensturz machen und schauen, wie viel man auf der hohen Kante hat. Die meisten Menschen bauen in den letzten zehn Jahren ihrer Berufstätigkeit bis zur Hälfte ihrer gesamten Altersvorsorge auf: Die Kinder sind aus dem Haus, die laufenden Kosten sinken, man hat eigentlich schon alles, und die Löhne sind so hoch wie nie. Etwa jeder Dritte, der gerne eher aufhören möchte, könnte es sich leisten. Aber er weiß es nicht, weil er kein Überblick über seine Finanzen hat. Der zweite wichtige Punkt ist: Versteht man wirklich, was man da macht? Jeder zweite unserer Kunden hat Produkte im Portfolio, die er nicht versteht. Doch genau das sollte man: seine Anlage verstehen.

Ist eine Immobilie für das Alter ein sanftes Ruhekissen?

Man muss man unterscheiden zwischen eigengenutzter und vermieteter Immobilie.

Ein Eigenheim ist mehr als eine Geldanlage, es ist immer auch ein Stück Lebensqualität. Damit wird es unter Renditegesichtspunkten praktisch nicht beurteilbar. Die Immobilie bringt gefühlte Sicherheit. Aber tragbar sollte sie trotzdem sein. Manche Menschen investieren die Hälfte ihres Netto-Einkommens oder noch mehr zur Finanzierung ihrer Immobilie. Da wird dann spitz auf Knopf gerechnet. Und nicht selten führt dann Unvorhergesehenes zum Zwangsverkauf oder sogar Zwangsversteigerung. Schön wäre es, wenn neben dem Eigenheim und bis zum Ruhestand so viel Kapital aufgebaut werden könnte, dass die eigene Immobilie dann rund einen Drittel des Vermögens ausmacht.

Und was ist mit fremdvermieteten Immobilien?

Ganz ehrlich? Drei von vier Immobilien, die wir analysieren, würde ich nicht kaufen. Viele Menschen denken dabei nur an einen steuerlichen Vorteil und vergessen dabei die klassischen Risiken: Mietausfall, Vandalismus, gesetzliche Vorgaben, die sich ändern, und daraus resultierende Investitionen wie zum Beispiel in den Klimaschutz. Wertmindernd können sich auch Autobahnen oder Landebahnen, die in unmittelbarer Nachbarschaft gebaut werden, auf die Immobilie auswirken. Den Anlegern sage ich meist: Bitte rechnet einmal richtig durch. Eigentlich ist eine Rendite von über fünf Prozent in Bezug auf die Bruttokaltmiete notwendig, um die bestehenden Risiken fair abgegolten zu bekommen und unter dem Strich nachhaltig Geld zu verdienen.

Was ist also die beste Geldanlage?

Eines gleich vorweg, es gibt keine hundertprozentige Sicherheit im Leben – auch bei der Geldanlage nicht. Man muss auch nicht immer den Anspruch haben, die eine, optimale Geldanlage zu erwischen. Wenn man beim besten Fünftel dabei ist, ist das wunderbar.

Interview: Anja Kummerow

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  1. Die Art der Altersvorsorge, so wie wir diese derzeit kennen, wird sich in der Zukunft sehr stark verändern. Die Prioritäten werden sich weg vom staatlichen System hin zur privaten Vorsorge verschieben. Die Hauptproblematik liegt hierbei in der demographischen Entwicklung. Aufgrund des in den meisten europäischen Ländern vorherrschenden Umlageverfahren wird es zukünftig nicht mehr möglich sein, dass aktuelle staatliche Alterssystem aufrecht zu erhalten. Mit starken Kürzungen ist hierbei zu rechnen. Die private Altersvorsorge, welche grundsätzlich auf ein kapitalbasierendes System aufbaut, wird immer wichtiger werden. Je nach Risikotyp kann und sollte man unterschiedlich privat für das Alter vorsorgen. So kann je nach Typ kann ein Aktieninvestment, eine Versicherung, Edelmetalle oder bloß ein Sparbuch, dass ideale Vorsorgeprodukt sein. In Wirklichkeit ist nur eines wichtig, nämlich dass man bereits in jungen Zeiten an die Altersvorsorge denkt!

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